Meine Mutter, die überwiegend im Rollstuhl sitzt, und ich haben beschlossen ein bisschen Sonne, Meer und andere Luft tanken, den Sommer zu verlängern, nachdem der Winter uns so lange im Griff hatte. Im Internet habe ich nach Reiseveranstaltern gesucht, die sich auf Reisen für Behinderte und Nichtbehinderten spezialisiert haben und bin dabei auf runa reisen gestoßen. Ich habe mir den Reisekatalog schicken lassen und bin so auf Hammamet in Tunesien gestoßen.Durch intensiven und kompetenten Kontakt, (vielen Dank Frau Karadeniz!) mit runa reisen, sei es per E-Mail oder auch telefonisch, haben wir vom 12.5. bis 26.5.09 das 5 Sterne Hotel Iberostar Solaria gebucht.
Leider fing die Reise am 12.5. nicht wie geplant um 9.55 Uhr ab Flughafen Köln/Bonn an, sondern schon um 4.10 Uhr. (Die Fluggesellschaft hat die Abflugzeit 3 Wochen zuvor vorverlegt, grrrr….) Das ist der Nachteil, wenn man in Köln abfliegt, dort gibt es kein Nachtflugverbot, wie z.B. in Frankfurt, wo ich wohne. Da meine Mutter aber näher zu Köln lebt……Der Flug verlief gut, die Crew war freundlich und hilfsbereit. In Monastir/Tunesien um 5.30 Uhr gelandet, wurden wir von den Hilfskräften des Flughafens aus dem Flugzeug "geladen" und direkt an die Kofferausgabe gebracht. Dort besorgte der nette Mann vom Flughafen einen Kofferwagen, wartete bis unser Gepäck kam und brachte uns bevorzugt durch die Passkontrolle. "Draußen" wurden wir schon erwartet. Eine Dame schwenkte ein Schild mit unseren Namen und nahm uns in Empfang. Sie stellte sich als Tina Brecht von runas Agentur vor Ort vor. Diese schweizer Agentur wird sich in den nächsten 2 Wochen um uns kümmern.
Tina als Touristik-Verantwortliche, sowie eine Physiotherapeutin aus Deutschland und Johanna, als Krankenschwester, sie kommt aus der Schweiz. Eine Kleinigkeit gleich zu Beginn unserer Bekanntschaft, machte bereits einen sehr guten Eindruck. Tina sagte uns, dass der Transfer ca. 1,5 Std. dauern würde und ob wir wohl erst noch mal das stille Örtchen "besuchen" wollen. Das Angebot haben wir natürlich gerne in Anspruch genommen. Während der Fahrt, es war ein Transfer nur für uns, wurden wir schon über viele Dinge informiert. Durch den "recht" frühen Abflug von Deutschland waren wir bereits um 7.30 Uhr im Hotel. Dort wurden wir ebenfalls nett empfangen, denn unsere Zimmer waren tatsächlich sofort bezugsbereit.
Darauf hatte ich vor Reiseantritt auf Grund der ungnädigen Abflugszeit und des gesundheitlichen Zustandes meiner Mutter großen Wert gelegt. Auch die Verbindungstür zwischen unseren Zimmern wurde sofort geöffnet. Außerdem konnten wir auch gleich im Hotel frühstücken. Gesagt, getan, vor dem Auspacken sind wir zwei "müden Krieger" erst einmal frühstücken gegangen. Das hat gut getan!!! Meine Mutter hat ihren Kaffee und ich meinen Tee sehr genossen!
Zurück vom Frühstück, das leidige Kofferauspacken. (Gerade erst alles schön gefaltet und eingepackt und nun schon wieder auspacken!) Meine Mutter probierte gleich die Schwelle zwischen Zimmer und Balkon aus. Diese entpuppte sich als zu hoch. Tina, die in der Zwischenzeit wieder zur Unterstützung kam, bestellte gleich beim Hausmeister die Rampe aus einem anderen rollstuhlgängigen Zimmer. Der Hausmeister kam tatsächlich innerhalb 30 Minuten und befestigte die kleine Holzschräge. Da sie aber nach einigen Versuchen seitens meiner Mutter immer noch zu steil war, kam der Hausmeister nach kurzer Zeit mit einem weiteren Brett und einem Elektrohobel wieder. Er hobelte auf dem Balkon das Brett so zurecht, dass meine Mutter nun keine Probleme mehr hatte, alleine auf den Balkon zu rollen und auch wieder zurück ins Zimmer zu gelangen. Auf dem Balkon sah es lustig aus, lauter Holzlöckchen bedeckten den Boden! Aber der Mann hatte eine Tüte, einen Handfeger etc. dabei und hat alles penibel sauber gemacht. Wir konnten es kaum glauben! Das war aber nicht alles, der arme Mann war richtig beschäftigt durch uns. Da die Badezimmertür so ungeschickt aufging, dass sie den Weg zur Toilette für meine Mutter sehr erschwerte, montierte der Mann die ganze Tür incl. Schanieren einfach aus!!!!
Obwohl das Zimmer ein Zimmer für Rollstuhlfahrer mit befahrbarer Dusche und Haltegriffen etc. war, das WC- Becken war leider ziemlich tief, so dass meine Mutter nur mit Mühe "Platz nehmen" konnte. Kein Problem für runa, sie orderten einen Toilettenaufsatz, der am nächsten Tag bereits da war und auch das Problem war so ruckzuck gelöst. Ein ähnliches Problem war das Bett, es war halt ein "normal" hohes Hotelbett. Auch das kein Problem für runa.
Sie bat um eine weitere Matratze und es dauerte tatsächlich nicht länger als 30 Minuten und meine Mutter lag die nächsten 13 Tage, wie die Prinzessin auf der Erbse, in angenehmer Höhe im Bett.
Einem angenehmen Urlaub stand nun eigentlich nichts mehr im Weg. Tatsächlich, um das schon mal vorab zu sagen, es wurde ein sehr schöner Urlaub, da wir so viel Hilfe, Unterstützung und Freundlichkeit erlebten. So verging der erste Tag ganz schnell, da wir natürlich auch gleich das Meer, den Pool und die Umgebung erkundeten. Einzig die "Geier", der zwei im Hotel befindlichen Boutiquen, die sich auf uns stürzten und uns versuchten zum Kauf von Ledertaschen etc. Schmuck und T- Shirts zu überreden, waren sehr unangenehm und lästig. Außerhalb des Hotels in den Geschäften ist das halt so, aber innerhalb empfanden wir es einfach unpassend. Aber auch das Problem konnte von Tina und Johanna, die seit Jahren im Lande leben und die Landessprache sprechen, gelöst werden. Wir hatten ab sofort unsere Ruhe. Da wir nicht so recht wussten, wie wir mit den vielen "Angeboten" der diversen Händler auf der Strasse und in der Medina, umgehen sollten, haben wir den ersten Ausflug in die nachgebaute Medina von Hammamet Yasemin, das ja ein reiner Hotel- und Touristenort ist, mit Tina gemacht. Ich habe viel gelernt und ab sofort gefeilscht wie der Teufel persönlich (Selbst Tina war erstaunt, wie hart ich um zwei Jacken für meine Mutter gekämpft habe! Statt 60 Dinar für eine Jacke, haben wir 40 Dinar für zwei bezahlt.).
Auch wenn es der Nachbau einer Medina ist, es ist sehr schön dort und hat viel Atmosphäre. Am vorletzten Tag unseres Urlaubs sind wir zufällig dort gewesen und haben hinreißende folkloristische Tänze gesehen. Ebenso einen Schlangenbeschwörer mit 3 Schlangen und einer Echse. Die ersten Tage haben wir viel am Pool verbracht. Akklimatisieren und die Sonne genießen war angesagt. Auch dort wurde auf das Handicap meiner Mutter Rücksicht genommen und sie bekam für ihre Liege 3 Auflagen, dass sie höher lag, bzw. sich nicht so tief setzen musste. Nachmittags haben wir Souvenirs besorgt, die Umgebung angeschaut etc. und meine Mutter hat entweder mit Johanna, Tina oder mir ihr Lauftraining absolviert.
Ab dem 6. Tag haben wir das Meer und den Strand erobert. Auch dort wurden wir durch Intervention von Tina und Johanna sehr unterstützt. Der dort für alles verantwortliche Mann, namens Mohammed, bugsierte meine Mutter jeden Tag im Rollstuhl durch den tiefen Sand zum Meer, dass sie sich wenigstens mit den Füßen im Meer tummeln konnte. Musste sie aus der Sonne raus, Mohammed war da und schob sie in den Schatten. Wenn wir zurück ins Hotel wollten, schnappte er sich zuerst den Rollstuhl und "befreite" in erst mal vom Sand, speziell am letzten Tag machte er den Rollstuhl pikobello sauber. Mohammed war wirklich unser Held, er half bei allem, sogar als ein Obstverkäufer uns mit einer, zugegeben köstlichen, kleinen Melonen, für umgerechnet 13,50 € über’n Tisch ziehen wollte. Plötzlich kostete die Melone nur noch 2,70 € incl. 2 Bananen! Natürlich haben wir seine Hilfe honoriert, was den Wert seiner Unterstützung aber nicht gemindert hat. Es war eine ganz natürliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die wir übrigens auch im Hotel erfahren haben.
Da meine Mutter so gerne mal wieder schwimmen wollte, sie es sich aber durch einen Schlaganfall nicht mehr traute, haben Johanna und Tina den Wasserliegestuhl mitgebracht. Dieser Liegestuhl hat dicke Räder mit dem man ins Wasser reinfährt, den darin Liegenden entweder "auskippt", er selber rausschwimmt, oder rausgehoben wird. Ich plädierte natürlich für "Rauskippen" ;-)). Nein, natürlich nicht, wir haben also meiner Mutter ins Wasser gefahren, dort hat Johanna sie in Empfang genommen, unter den Axeln gehalten und meine Mutter konnte sich endlich mal wieder im Wasser entspannen. (Sie war früher eine Wasserratte und vermisst das Schwimmen sehr!) Zurück ging’s genauso: Liegestuhl ins Wasser gefahren, Mutter reingelegt und wieder "an Land" gefahren.
Von Land und Leute haben wir viel von und mit Johanna und Tina erfahren. Wir machten mit Tina noch zwei weitere Ausflüge. Nach Hammamet-Stadt in die "echte" Medina und nach Nabeul zum wöchentlichen Markt. Nach Hammamet sind wir mit einem kleinen Zug auf Gummi- Rädern über die Straßen gerattert. Diese Züge verkehrten zwischen Hammamet-Yasemin und Hammamet-Stadt. Sie sind aber nur für Leute ohne Rückenprobleme geeignet, denn sie holpern und schlagen doch sehr.
Lustig ist es aber trotzdem. In Hammamet, außen an der Stadtmauer der Medina, liegt ganz idyllisch direkt am Meer ein großer islamischer Friedhof. Auch für die Christen ist "gesorgt", sie liegen auf einem kleinen Friedhof gegenüber. In der Medina sind wir durch diverse Gassen, die einigermaßen mit dem Rollstuhl befahrbar waren, geschlendert und haben das pralle Leben dort auf uns wirken lassen. Nach dem Gerüttel über das alte Pflaster und den Anstrengungen meine Mutter so sanft wie möglich zu schieben, haben wir uns einen Kaffee, bzw. Cola in einem sehr schönen, direkt am Meer gelegenen Café wirklich verdient. (Leider habe ich den Namen des Cafés vergessen, es wird aber in vielen Reiseführern beschrieben)
Einen Tag später ging’s dann nach Nabeul, eine der zwei Keramikhochburgen in Tunesien. Nabeul ist so ca. 30 Minuten von Hammamet-Yasemin entfernt und dort werden die wirklich wunderschönen Keramiken, denen man überall in den diversen Geschäften "begegnet", hergestellt. Von Wandfliesen bis Krüge und Becher, von Aschenbecher bis Teller in jeder Größe, ob Kitsch und Kunst, man findet alles. Meine Mutter und ich hätten am liebsten jede Menge Keramiken mitgenommen.
Aber erstens, wohin zuhause mit dem ganzen "Kram" und zweitens haperte es am Gewicht der Keramiken. So haben wir uns sehr beschränken müssen, meine Mutter brachte als Mitbringsel ein paar Schälchen und ich einige kleine Mosaiken mit. Trotzdem habe ich mir eine neue Tasche als Handgepäck kaufen müssen, den meine eigentliche Tasche hätte das Gewicht nicht tragen können. Freitags findet in Nabeul der Wochenmarkt statt, der ist aufgeteilt in den für die Touristen und den für die Einwohner. Tina hat uns gesagt, dass dort dann die Hölle los sei. Es sei genauso schön, aber wesentlich ruhiger, wenn man bereits Donnerstagnachmittag dorthin fährt. Besonders wegen des Rollstuhls. Gesagt, getan, wir eroberten Nabeul und die beiden Märkte, die auch an getrennten Orten stattfinden. Es war einfach umwerfend, speziell der Markt der Einheimischen, es duftete nach diversen Gewürzen, arabische Musik übertönte jedes Gespräch, die Händler überboten sich mit ihren gerufenen Angeboten. Auf riesigen Wühltischen wurden Kleider, Gürtel und sonstige Sachen in neu und gebraucht angeboten. Händler mit gebrannten Mandel, Sesam, türkischer Honig und andere klebrige Süßigkeiten versuchten zu verführen, Musikkassetten, Videos, BHs, Unterwäsche, Obst und Gemüse, Fleisch von frischgeschlachteten Lämmern, Hühner und Kaninchen und, und……. Es wurde geprüft, gehandelt, gekauft, kurz, das pralle Leben tobte. Ich habe mir von einem Wühltisch mit Gürteln einen schönen Gürtel für umgerechnet 0,75€ erhandelt. Es war wirklich ein Erlebnis, das wir so schnell nicht mehr vergessen werden!!
Tja, alles hat ein Ende, auch unser Urlaub. Leider, denn es hat uns wirklich sehr gut gefallen. Leider war unser Rückflug ähnlich früh, nämlich 5.30 Uhr ab Monastir. Es hieß also schon wieder sehr früh aufstehen, da wir um 02.35 Uhr am Hotel abgeholt wurden. Leider hatte der Flug 2,5 Stunden Verspätung und der Abflugbereich keine Toilette für Behinderte. Es wurde eine ziemlich demütigende Aktion für meine Mutter vor dem Flug noch mal auf Toilette gehen.
Die Putzfrau, andere Reisende und ich mussten zusammen hin und her rangieren, schieben etc. und blockierten für eine ganze Zeit das nun nicht mehr "stille" Örtchen.
Der Rückflug verlief, nachdem wir endlich gestartet waren, ohne Problem, mit netter und hilfsbereiter Crew und auch in Köln sind wir wieder von den bewährten ZIVIS aus dem Flieger abgeholt und mit Sack und Pack durch die Pass- und Zollkontrolle gebracht worden.
Eine kurze Zusammenfassung und Bewertung der wichtigsten Dinge möchte ich gerne noch anhängen. Das Hotel hat zwar 5 Sterne, diese sind aber nach tunesischem Standard zu werten. In Spanien hätte es 3,5 bis 4 Sterne. Das Essen war nicht schlecht, hatte aber nicht die Qualität und Vielfalt, die man bei 5 Sterne erwartet. Das Publikum würde man auch nicht in einem 5 Sterne- Hotel erwarten. Viele Gäste kamen zum Abendessen in der gleichen Strandkleidung, wie auch am Morgen zum Frühstück.
Die Männer vom Service waren höflich, freundlich und hilfsbereit, allerdings waren einige der Meinung, dass sie, wenn wir unsere Getränke bar zahlten, das Wechselgeld gleich als Trinkgeld einbehalten könnten. Sie waren etwas pikiert, als ich auf dem Wechselgeld bestand. Ich hätte ihnen ja ein Trinkgeld gegeben, aber so……
Die Zimmer waren sauber und die Zimmermädchen sehr bemüht uns alles recht zu machen. Wir haben uns besonders über die mit Blumen geschmückten "Handtuch- Skulpturen" gefreut. Der hoteleigene Strand wurde von "unserem" Mohammed in gutem Zustand gehalten. Es gab eine große Mülltonne, die von vielen Leuten "übersehen" wurde, aber der Müll wurde sofort von Mohammed entfernt, auch Zigarettenkippen etc. Das Meer war bis auf einmal sauber. Tina erzählte uns, dass keine Abwässer der Hotels ins Meer fließen. Es wurde wohl vor einigen Jahren unter französischer Leitung eine Kläranlage o.ä. gebaut. Die Rohre, die ins Meer ragen, saugen Meerwasser für die Thalasso-Zentren an. Allerdings wurde mir von kompetenter Seite gesagt, dass die "Piratenschiffe" (natürlich keine echten, sondern für ½ tägige Ausflüge bestimmte) ihre Abwässer ins Meer kippen, die dann bei ungünstiger Strömung angetrieben werden. (so sah das Meer leider über und unter Wasser auch aus) Die Betreuung vor Ort durch die bereits genannte Agentur von runa reisen war sehr gut. Freundlich, hilfsbereit und kompetent.
Alles in allem, wollen wir gerne wieder kommen!
A. Kleinlein-Flach